Baukulturelles Erbe in Gefahr? Fachwerkstatt in Mühlebach

Zum Europäischen Tag des Denkmals luden der Landschaftspark Binntal und der Verein IG VETA/NOVA zur Fachwerkstatt nach Mühlebach ein. Das diesjährige Motto «Baukulturelles Erbe in Gefahr?» stand im Zentrum der beiden Rundgänge, an denen rund 40 Personen teilnahmen – Fachleute, Interessierte und Eigentümerinnen und Eigentümer historischer Gebäude.

Statt der angekündigten drei Posten führten Pascal Abgottspon von VETA/NOVA und Moritz Clausen vom Landschaftspark Binntal die Teilnehmenden an zwei Stationen durch den historischen Dorfkern: zum Speicher von 1381, dem Geburtshaus von Matthäus Schiner, und zum kürzlich sanierten Ragozzi-Haus. Beim Ragozzi-Haus zeigten Pascal Abgottspon, Willy Jossen und David Zeiter, wie eng Denkmalschutz und baulicher Alltag miteinander verknüpft sind – und wie schnell aus gut gemeinten Eingriffen neue Gefahren für die historische Bausubstanz entstehen.

Warum der Dorfkern bis heute intakt ist
Pascal Abgottspon eröffnete den Rundgang mit einem Blick auf die Geschichte des Dorfkerns. Ein Grund, weshalb dieser vom Mittelalter bis heute so unversehrt geblieben ist: Mühlebach wurde nie von einem Dorfbrand heimgesucht. Eine andere, bis heute wirkende Gefahr für die historische Bausubstanz liegt am Dorfrand – der Mühlebach selbst. Abgottspon erläuterte die Massnahmen, mit denen sich das Dorf gegen diese Naturgefahr schützt und damit den Denkmalwert des Dorfkerns über Jahrhunderte sichert.
«Kein Feuer, aber der Bach am Dorfrand – das ist die eigentliche Bedrohung für unseren Dorfkern.»
Pascal Abgottspon, Architekt und Vorstandsmitglied VETA/NOVA

Lehm statt Winddichtungsfolie: Das Ragozzi-Haus als Beispiel
Vor dem Ragozzi-Haus richtete sich der Fokus auf die Frage, wie Menschen selbst zur Gefahr für das baukulturelle Erbe werden können – etwa durch eine nicht fachgerecht ausgeführte Fassadensanierung. Statt einer herkömmlichen Winddichtungsfolie erhielt das Gebäude auf der Wetterseite gegen Westen einen Lehmputz. Erst danach folgte der Innenausbau – eine Lösung, die dem Denkmal seine ursprüngliche Bauweise belässt, statt sie mit modernen Fremdmaterialien zu überdecken.
Willy Jossen, Gipser-Handwerker in der Denkmalpflege, zeigte den Aufbau des Putzes und dessen Zusammensetzung aus Lehm, Hanf und Kalk.
«Ein Plastikpapier hält Wasser einfach nur ab. Lehm nimmt es auf, speichert es und gibt es wieder ab, genau dort, wo die Wand es braucht. Das kann keine Folie.»
Willy Jossen, Maler & Gipser HiD und Vorstandsmitglied VETA/NOVA
David Zeiter erklärte die bauphysikalischen Zusammenhänge und machte deutlich, dass gerade beim Denkmal nicht mehr Wärmedämmung automatisch besser ist.
«Am Denkmal ist selten die fehlende Dämmung das Problem, sondern die zu grosse. Wo Bauphysik und Energievorgabe sich widersprechen, schützt weniger Dämmung das Denkmal besser vor Feuchteschäden als mehr.»
David Zeiter, Bauphysiker und Vorstandsmitglied VETA/NOVA

Austausch beim Apéro
Nach den beiden je 40-minütigen Rundgängen klang die Fachwerkstatt bei einem Apéro aus. Fachleute, Interessierte und Eigentümerinnen und Eigentümer nutzten die Gelegenheit, sich weiter über den Erhalt historischer Bausubstanz auszutauschen.

Unser Engagement
Der Rundgang in Mühlebach zeigt, wo das baukulturelle Erbe heute tatsächlich in Gefahr ist: Nicht primär durch Verfall, sondern durch unpassende Eingriffe, falsche Materialien und Zielkonflikte mit heutigen Energievorgaben. Als Verein VETA/NOVA setzen wir uns genau dafür ein – mit Fachwerkstätten wie dieser, mit unseren Leitfäden und im direkten Austausch mit Eigentümerinnen, Eigentümern und Fachpersonen. Wir bleiben an diesen Themen dran, weil der Erhalt unserer historischen Dorfkerne kein Zufall ist, sondern Engagement verdient.





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